Julia Lacherstorfer | SPINNERIN
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SPINNERIN

 

Wer alle Fäden in der Hand hält, hat sein Leben im Griff – verliert man hingegen den Faden, gerät der Erzählfluss ins Stocken. Derartige Redewendungen verweisen auf ein altes, ursprünglich ausschließlich von Frauen ausgeführtes Handwerk – nämlich jenes, des Spinnens. Während verheiratete Frauen dieser Tätigkeit in ihrem eigenen Zuhause nachgingen, trafen sich die Unverheirateten in sogenannten Spinnstuben, um gemeinsam der Handarbeit nachzugehen. Die nahezu meditative, sich verselbstständigende Arbeit ermöglichte dabei vor allem einen Rahmen, in dem Frauen sich verbal austauschen konnten. Auf diese Weise wurden nicht nur Fäden, sondern vor allem Geschichten gesponnen, die vom Leben erzählen. In unseren Volksmärchen steht das Spinnrad deshalb symbolisch für den Kreislauf des Lebens und für das Geschichtenerzählen an sich, für Anfang und Ende – Leben und Tod.

 

In ihrem Solo-Debüt „Die Spinnerin“ begibt sich Julia Lacherstorfer auf eine musikalische Spurensuche nach einer weiblichen Perspektive im österreichischen Liedgut und wirft zunächst Fragen auf: Wo sind all die Lieder, die von Verlusten und Überforderungen, Sehnsüchten und vom stillem Ertragen einerseits, andererseits von Verführung, Wut und Verweigerung erzählen? Warum sind sowenig Geschichten und Lieder überliefert, in denen sich Weiblichkeit selbst definieren darf?

In der volksmusikalischen Landschaft Österreichs wimmelt es zwar von Liebesliedern, in denen junge Mädchen besungen und umworben werden. Beschrieben wird dann das stille, herzige Dirndl, das kokettiert, dessen Körper wie eine Landschaft beschrieben wird und in einem Feldzug erobert werden will. Den Lebensrealitäten von erwachsenen Frauen wiederum begegnet man in Küchen- und Schlafliedern, die uns von Hausarbeit und Fürsorge erzählen. In den meisten Volksliedern jedoch wird das alltägliche Leben aus einer männlichen, aktiven Perspektive geschildert – die weibliche Dimension bleibt eindimensional und passiv gezeichnet. Wer sich also auf die Suche nach einer weiblichen Perspektive im österreichischen Liedgut macht, muss sich seinen Weg erst ebnen.

Mit dem Geist einer Ethnomusikologin, Respekt und künstlerischer Weitsicht beforscht Julia Lacherstorfer die Vergangenheit, um vergessen Geglaubtes sowohl musikalisch, als auch narrativ in die Gegenwart zu transferieren und erlebbar zu machen. Ihr musikalischen Mittel sind dabei so vielfältig, wie die Lebensrealitäten jener Frauen*, deren Geschichten sie erzählt.